Der Rennbericht

Es war unbeschreiblich schön, mit einer Zeit von 22 Stunden und 22 Minuten die 606 Kilometer und 4058 Höhenmeter zu bewältigen

Im letzen Jahr wurden wir Extremradsportler darüber informiert, dass der Radmarathon nicht mehr durchgeführt wird, da das Organisationskomitee aufhört. Diese Meldung machte uns Extremradsportler sehr traurig, da es sich dabei um ein sehr schönes wie auch sehr gut organisiertes Rennen handelte. Ein paar Wochen später kam aber die gute Nachricht an uns. Es haben sich neue Leute für gefunden, die den Radmarathon weiter leben lassen. Es gründete sich ein neues Organisationskomitee, und kurz darauf hin konnte man sich für den Radmarathon 2012 anmelden.

Trotz meiner Babypause in diesem Jahr, war mir von Anfang an klar, dass ich dieses Rennen bestreiten möchte. Aus diesem Grund meldete ich mich auch gleich beim Radmarathon an. Da ich aber im Vorfeld nicht wusste, wie viel ich zum trainieren komme, meldete ich mich nur für die 600 Kilometer Strecke an und nicht wie in den vergangen Jahren für die 720 Kilometer. Je näher das Rennen anrückte, je nervöser wurde ich. Ich wusste dass ich viel zu wenig für ein solches Rennen trainiert hatte. Dazu kam noch die Übermüdung, da ich, seit ich stolzer Vater bin, keine einzige Nacht mehr durchgeschlafen habe. Ich überlegte mir mehrmals, ob es wirklich das Richtige ist, wenn ich mich an den Start stelle. Die Antwort bekam ich aber nur, wen ich es versuche.

Mir war es auch sehr wichtig, mit meinem Team wieder einmal so ein Rennen zu absolvieren. Es ist immer wieder ein unvergessliches Erlebnis, mit meinem Team mehrere Stunden an einem Rennen Teilzunehmen. Somit fuhr ich mit meinen Team 1 (André Oswald, André Weidmann & Franziska Kiener) am Freitag nach Ittigen wo sich neuerdings der Start befand. Bis zum letzten Jahr war der Start und das Ziel in Wangen a.A. Das Team 2 (Andreas & Martin Röthlisberger & Sandrine Marti) fuhren erst am späteren Nachmittag direkt nach Frasnacht wo am Abend der Teamwechsel stattfinden sollte.

Vor dem Start in Ittigen traf ich sehr viele mir bekannte Extremradsportler. Wir führten sehr Interessante Gespräche währenddessen mein Team 1 das Fahrzeug bestens auf das Rennen vorbereitete. Die Hitze war bereits um 10 Uhr sehr stark und wir wussten alle, dass es ein sehr heisses Rennen geben wird. Wird es aber auch das erste Extremradrennen ohne Regen für mich sein? Als die ersten Teilnehmer vom der 720 Kilometer Strecke starteten, bereitete ich mich auf meinen Start vor. In der Elitekategorie wäre die Grundidee, die 600 Kilometer so schnell als möglich zu bewältigen. Windschatten fahren ist erlaubt und das Feld würde auch mit Motorrädern begleitet werden. Leider fiel dies alles aus, da wir schlussendlich nur 2 Teilnehmer in der Elite Kategorie bestritten.

Wir zwei stellten uns um 12:45 Uhr an den Start, damit wir nach dem letzten Teilnehmern der 720 Kilometerstrecke, starten konnten. Um 12:50 wurde unser Startpfiff abgegeben. Die erste Etappe Richtung Wangen, war bisher immer die letzte Etappe in den letzten Jahren. Da ich nicht wusste, wie gut meine Form zu heutigen Stand war, nahm ich mir vor, das Rennen einmal etwas langsamer zu starten und einen guten Rhythmus zu fahren. Wenn es mir nach der Hälfte immer noch gut laufen sollte, kann ich dann immer noch einen Gang höher stellen.

Somit fuhr ich gemeinsam mit dem anderen Teilnehmer mit einem 36km/h Durchschnitt Richtung Wangen a.A. wo wir nach einer Stunde ankamen. Dort ging es weiter Richtung Langenbruck wo sich der 1. Checkpoint befand. Dieser passierte ich um 14:30 Uhr. Ohne gross Pause zu machen, fuhr ich mit meinem Team gleich weiter. Der andere Teilnehmer machte ein paar Minuten längerer Halt, aber konnte dann wieder auf mich aufschliessen, da ich das Tempo ab jetzt ein wenig reduzieren wollte. Es war sehr sehr heiss. Zum Teil zeigte das Thermometer 40 Grad an. Selten hatte ich einmal so ein heisses Rennen absolviert. Regelmässig verlangte ich aus meinem Betreuerfahrzeug eine Flasche mit kaltem Wasser, um diese mir über den Kopf zu leeren. Das Wasser bekam ich, aber es war alles andere als Kalt. Im Auto befand sich auch eine riesige Hitze. Die Kühlbox kam gar nicht mehr dazu, meine Getränke herunter zu kühlen.

Die 2. Etappe führte von Langenbruck nach Koblenz. Auf diesem Abschnitt konnten wir die ersten vor uns gestarteten Teilnehmer der 720 Kilometer Strecke überholen. Dabei konnte ich auch auf Patrick Zollinger, der ein guter Freund von mir ist, aufschliessen. Dies motivierte mich sehr, da ich jetzt wusste, dass meine Fitness gar nicht so schlecht ist, wie ich es erwartet hatte. Mit sehr hohem Tempo fuhren wir Richtig Koblenz zu. Plötzlich gab es einen lauten Knall und ich wurde immer langsamer. Mein Schlauch am Hinterrad hatte einen Platten. Patrick Zollinger sowie auch mein einziger Gegner fuhren natürlich weiter. Da mein Betreuerteam mich kurz vorher überholte um den Verkehr hinter uns aufzulösen, mussten diese wieder zu mir zurück fahren und wir verloren dabei wertvolle Zeit. Ca. eine ganze Viertelstunde dauerte es, bis ich mich mit meinem Reservelaufrad wieder auf die Strecke begeben konnte. Jetzt war ich auf mich alleine angewiesen und versuchte wieder in den Rhythmus zu kommen, welcher für mich passte.

Um 16:59 Uhr passierte ich den 2 Checkpoint in Koblenz. Da ich auch bei diesem Checkpoint keine grosse Pause machte, konnte ich so auf die anderen wieder ein paar Minuten aufholen. Nach dem Checkpoint ging es weiter an die erste grosse Steigung Richtung Ewattingen. 500 Höhenmeter auf 15 Kilometer war eine optimale Steigung für mich um Tempo zu machen. Auf dieser Strecke konnte ich dann auf die anderen Fahrer wieder aufschliessen, da diese das Tempo scheinbar auch reduzierten und mit der grossen Hitze zu kämpfen hatten. Nach ein paar Minuten gemeinsamer Fahrt mit Patrick Zollinger erhöhte er wieder das Renntempo und fuhr mir davon. Ich selber wollte mein Tempo gleichmässig behalten und fuhr so alleine um 19:12Uhr in Ewattingen ein.

Um die Schmerzen in meinem linken Knie zu lindern musste ich ein Flecktorpflaster aufsetzen lassen. Damit das Pflaster am Knie kleben bleibt, zog ich die Knielinge an. Gleichzeitig liess ich mir noch kurz die Beine massieren. Das ganze dauerte knappe 10 Minuten, danach ging es gleich weiter zu der nächsten Etappe bis nach Ramsen. Dies war eine sehr abwechslungsreiche Strecke. Es ging bei schönster Landschaft in Deutschland immer hoch und Runter. Im Team selber herrschte immer noch perfekte Stimmung. Dies konnte ich als Fahrer auch sehr gut spüren. Entweder über den Funkverkehr den wir hatten oder jeweils wenn mir das Team die Getränke oder das Essen aus dem Fahrzeug übergab. Langsam nahm glücklicherweise die Hitze ein wenig ab.

Zwischenzeitlich musste ich auch das Licht beim Rennrad anzünden, da die Sonne langsam unter ging und der Mond aufging. Es war eine sehr schöne Stimmung als wir zu dieser Uhrzeit Richtung Bodensee an den Checkpoint in Ramsen fuhren. In Ramsen trafen wir wieder Patrick mit seinem Team. Diese machten dort eine längere Pause als wir. Nachdem meine Beine kurz mit einer kühlenden Salbe eingestrichen wurden, ging es gleich weiter über 60 Kilometer flach am Bodensee entlang Richtung Frasnacht, wo sich bereits das Team 2 befand. Leider konnte ich diese Strecke nicht schneller als mit einem 30km/h Schnitt bewältigen, weil doch langsam erste Anzeichen von Müdigkeit da waren. Somit kamen wir 2 Stunden später um 23:30 Uhr in Frasnacht an, wo wir den Teamwechsel vornahmen. Gemäss meiner Planung hatten wir somit 50 Minuten Verspätung zu verzeichnen. Nur in wenigen Minuten übergab das Team 1 dem Team 2 das Begleitfahrzeig und updatete Sie über alles Wichtige. Ich selber ass zum ersten Mal ein Sandwich und trank Rivella. Bis dahin ernährte ich mich nur mit den neuen Sponserriegeln, die ich sehr gut vertragen konnte. Bevor ich mit dem Team 2 weiterfuhr, bedankte ich mich beim Team 1 und wünschte Ihnen eine gute Heimreise.

In der Dunkelheit ging es weiter von Frasnacht nach Sargans. Es war eine Etappe die dauernd anstieg. Ich hatte grosse Mühe, ein normales Tempo zu fahren. Der Grund war die Dunkelheit und die Müdigkeit. Im Dunkeln ist es schwierig einzuschätzen, wie schnell man unterwegs ist und auf dem Geschwindigkeitszähler sieht man die Angaben auch fast nicht. Im ersten Augenblick merkte ich dies überhaupt nicht und rollte so langsam Richtung Sargans. Plötzlich kam von hinten wie ein Blitz Patrick Zollinger welcher wieder zu mir aufschloss. Dies war meine Rettung um wieder ins Renntempo zu kommen. Ich hing mich an ihn. Jetzt kam ich endlich wieder vorwärts. Kurz vor dem Checkpoint Sargans kamen wir noch in einen Kräftigen Sturm hinein. Da bei Patrick seiner Kategorie das Windschattenfahren verboten war, durfte nur ich hinter ihm fahren. Zu diesem Zeitpunkt war dies mein Glück. Diese Kraft wo Patrick gegen den Wind auf die Pedale drückte, hätte ich zu diesem Zeitpunkt nicht mehr geschafft. So genoss ich den Windschatten und traf mit Ihm um 02:35 Uhr in Sargans ein. Dort wurde ich von Christian Butscher ein weiterer Teilnehmer der 720 Kilometer Stecke herzlich begrüsst. Er ist aus Österreich und hat bereits 2-mal mit mir den Glocknerman bestritten. Dadurch ergab sich auch eine spezielle Freundschaft. Es freute mich sehr, ihn und seine Familie die ihn betreute, kurz anzutreffen.

Patrick und sein Team machten neben uns halt und dabei fragte ich Ihn, ob wir wieder gemeinsam weiterfahren würden, da ich im Moment mit dem Tempo ein wenig Mühe hatte. Er hätte nichts dagegen und so starteten wir gemeinsam von Sargans Richtung Pfäffikon. Gleichzeitig begann ich mit Koffeinhaltigen Getränken zu fahren. Dies sollte mir helfen, wieder Power zu kriegen. Schliesslich habe ich extra über 3 Wochen vor dem Rennen keinen Koffein zu mir genommen, damit der Effekt im Rennen grösser sein wird. Bis zum Kerenzenberg konnte ich mit Patrick Zollinger mitfahren. Am Berg selber fuhr er mir ein zu hohes Tempo und somit verabschiedete ich mich von Ihm und seinem Team. Ich ging davon aus, dass ich Sie nicht mehr sehen würde. Nach der Steigung von über 400 Höhenmeter auf den Kerenzerberg ging es hinunter auf Näfels Richtung Pfäffikon. Dort begann der Koffein an zu wirken und ich konnte mein Tempo langsam wieder erhöhen. Alleine mit meinem Team ging es in der Dunkelheit Richtung Zürichsee. Morgens um 5:05Uhr als ich in Pfäffikon ankam, fuhr Patrick Zollinger gerade beim Checkpoint ab. Ich selber liess wieder meine Beine massieren und wechselte auch das Flecktorpflaster. Schliesslich mussten meine Beine jetzt wieder fit werden, da in der nächsten Etappe 2 grössere Steigungen auf uns warteten. Auch diese Pause dauerte nicht lange an und wir fuhren Richtung Schindeleggi los.

Dies war wieder eine Steigung über 400 Höhenmeter die ich mit sehr gutem Tempo befahren konnte. Auch die zweite Steigung auf Menzingen konnte ich perfekt bewältigen. Plötzlich ging es mir wieder sehr gut. Durch die Massagen konnte die Schmerzen am linken Knie sehr gut reduziert werden und durch das Koffein war die körperliche Power wieder zurückgekehrt. Volle Kraft voraus ging es am Zugersee entlang Richtung Emmenbrücke. Das Team 2 und ich durften einen wunderschönen Sonnenaufgang erleben. Auch im Team 2 herrschte wie zuvor im Team 1 eine hervorragende Stimmung. Um 8:05Uhr traf ich in Emmenbrücke ein. Dies war 1Stunde 10 Minuten später als von mir geplant. In Emmenbrücke holte ich auch wieder Patrick Zollinger auf. Dieser machte dort eine längere Pause. Ich selber fühlte mich sehr gut und machte wie immer nur eine kurze Pause von ca. 10 Minuten. Beine Massieren, kurz dehnen und gleichzeitig ein halbes Sandwich essen, bevor es dann weiter ging.

Je länger das Rennen lief, desto schneller wurde ich. Ich hatte das Gefühl, dass mich jetzt niemand mehr stoppen kann. Voller Elan fuhr ich von Emmenbrücke nach Ziswil hoch Richtung zweitletzter Checkpoint in Affoltern. Auf dieser Streck konnte ich einen weiteren Fahrer der 720 Kilometerstrecke, den ich ebenfalls kannte, überholen. Markus Schütz bestreitet zum ersten mal so ein Ultracycling Rennen und ich durfte Ihm bei den Vorbereitungen behilflich sein. Als ich ihn überholte, wechselten wir ein paar Worte miteinander, bevor ich mit meinem Tempo wieder von ihm fortzog. Es freute mich sehr, dass er sich zu diesem Zeitpunkt immer noch gut fühlte und meine Ratschläge ihm auch behilflich gewesen sind.

Ich konnte es kaum selber glauben, in was für einem Tempo ich vorwärts kam. Mein Ziel war es die Zeit die ich in der Nacht verloren hatte, wieder einigermassen gut zu machen. Um genau 10Uhr kam ich in Affoltern an. Diesmal wollte ich keinen Halt mehr machen, da ich wusste, dass ich die Restlichen 36 Kilometer ohne Probleme bewältigen konnte. Ich wollte nur noch nach Ittigen ins Ziel. Also gab ich alle Kraft die ich noch hatte in die Pedale. Ich spürte keine Müdigkeit und fragte mich, ob ich jetzt auch die Zusatzschlaufe von 120 Kilometer noch absolvieren sollte. Auch mein Team fragte mich über den Funk: Hey Kiwi, sollen wir Dich in Ittigen von der 600 Strecke auf die 720 Strecke ummelden?" Lachend antwortete ich mit einem Nein. Man sollte das Glück nicht herausfordern und schlussendlich wollte ich auch wieder nach Hause zu meiner Frau und Tochter.

Schneller als im Vorjahr fuhr ich also die letzte Etappe nach Ittigen. Mit einem 36km/h Durchschnitt kam ich um 11:08Uhr in Ittigen im Ziel an, wo ich herzlichst von meinem Team 1 begrüsst wurde. Es war unbeschreiblich schön, mit einer Zeit von 22 Stunden und 22 Minuten die 606 Kilometer und 4058 Höhenmeter zu bewältigen. Ich wusste, dass ich meinen einzigen Konkurrenten geschlagen hatte. Jedoch musste ich abwarten, wie es aussieht mit den Teilnehmern von der 720 Kilometer Strecke. Diejenigen die nach 600 Kilometer aufhören möchten, könnten sich auf meine Kategorie umschreiben lassen. Da ich aber der Letzte war der gestartet ist und bis zu meiner Zieleinfahrt noch keiner sich umschreiben liess, wurde ich auf der 600 Kilometer Strecke somit Erster.

Mit beiden Teams, liess ich das Rennen in Ittigen ruhig ausklingen, bevor es nach Hause zu meiner Familie ging. Ich war und bin heute noch überglücklich, wie ich dieses Rennen mit so wenig Vorbereitung absolvieren konnte. Ein grosses Dankeschön geht an meine Frau, die mich immer wieder bei meinen sportlichen Zielen bestens unterstützt und an mein Team welches mich hervorragend über das ganze Rennen begleitet hat. Auch der Radmarathon 2012 wird ein unvergessliches Erlebnis bleiben.