Rennbericht Kevin

Am Freitag, 3. Juli 2009 fuhr ich am Morgen mit meinem Team nach Wangen a.A. an den Start des Radmarathons. Mein Ziel war es, 720 Kilometer in ca. 26 bis 28 Stunden zu fahren. Die Begleitfahrzeuge hatten wir bereits am Vorabend beladen.

Gut im Zeitplan kamen wir in Wangen a. A. an und konnten uns so perfekt für den Start vorbereiten. TeleBärn nahm auch noch die letzten Szenen auf, bevor ich um 11.46 Uhr mit der Startnummer 29 startete. Von Anfang an kam ich gut weg. Abgesehen von den Kopfschmerzen, die ich am Start verspürte, fühlte ich mich sehr gut. Nach 45 Minuten waren die Kopfschmerzen zum Glück vorbei. Somit konnte ich meine Durchschnittsgeschwindigkeit von 33km/h durchziehen. Das Wetter war optimal! Mit 26.5 Grad nicht zu heiss und dazu trocken. Von Anfang an überholte ich einen Fahrer nach dem anderen. Vor allem beim ersten grossen Aufstieg bei Kilometer 15 konnte ich sehr viele Mitstreiter hinter mir lassen. Bei der Abfahrt liess ich sogar mein Begleitfahrzeug hinter mir stehen. Dieses musste später wieder Gas geben, um zu mir nach vorne aufzuschliessen. Die ersten 97 Kilometer fuhr ich in nur 2Std.45Minuten- trotz den 1840 Höhenmetern.

Kaum beim ersten Checkpoint angekommen, ging's auch schon weiter. Ich entschloss mich, keine grössere Pause zu machen, da ich mich in Bestform fühlte. Nach kurzen 10 Kilometern gab es den nächsten längeren Aufstieg zu bewältigen. Auch hierbei konnte ich meine Stärke bergauf ausspielen und das Tempo weiterhin hochhalten. Bei diesem Stück überholte ich bereits die letzte teilnehmende Frau, die mit 20 Minuten Vorsprung gestartet war. Langsam aber sicher war ich mit 2 anderen Fahrern an vorderster Position. Da die Fahrer aber vor mir gestartet waren, lag ich also an der Spitze. Die stärksten Gegner starteten jedoch erst zum Schluss. Was für ein Tempo diese fuhren, wussten wir nicht. Aber bestimmt waren wir auf Zielkurs.

Bereits um 16.18 Uhr kam ich beim 2.Checkpoint an. Auch hier machte ich keine grössere Pause als notwendig. Getränkeflaschen wurden gewechselt und meine Taschen mit neuen Gels aufmunitioniert. Da ich verhindern wollte, aufs WC gehen zu müssen, ernährte ich mich nur mit Gels und Getränken.

Leider änderte sich das Wetter und es fing langsam an zu regnen. Mehrmals zog ich die Regenjacke an und wieder aus, damit das Trikot nicht noch mehr nass wurde. Die Temperatur sank auch auf 20 Grad ab. Bei diesem Teilstück waren mehrere kleine Aufstiege zu bewältigen- mit dabei auch ein Aufstieg mit 20% Steigung. Die Abfahrten hatten es auch in sich. Dadurch, dass die Strassen nicht gesperrt waren, musste mit grosser Vorsicht in die engen Kurven gefahren werden.

Um 18:06 kamen wir bereits beim 3.Checkpoint an - 1.5 Stunden vor unserem Plan. Dies liess meine Motivation noch höher schlagen. Aus diesem Grund sagte ich wortwörtlich zum Team: " Kommt wir fahren gleich weiter, schlussendlich sind wir nicht zum Pause machen da!" Mit einem grossen Smiley in jedem Gesicht ging es dann auch gleich weiter. Die Stimmung war von Anfang an gut und dies merkte jeder.

Die nächsten Teilstücke waren ziemlich flach. Aus diesem Grund wechselten die anderen Teams auf Fahrräder mit kleineren Übersetzungen. Ich fuhr ja bereits die kleinste Übersetzung und somit wurde mir klar, dass bei einer erneuten Teilnahme es eine gute Idee wäre,mit 2 Fahrrädern an den Start zu gehen. So könnte man bei den bergigen Teilen bestimmt Kraft einsparen. Dies spielte mir zu dieser Zeit aber keine Rolle, da ich mich immer noch gut fühlte. Mit 36 km/h fuhren wir zu dritt mit jeweils 10 Meter Abstand Richtung Bodensee. Trotz des schlechten Wetters hatte man eine wunderschöne Aussicht auf den Bodensee. Der einzige Ort, wo die Sonne schien, war im Begleitfahrzeug!

Nach 280 Kilometern habe ich bereits soviele Gels gegessen, dass ich diese nicht mehr zu mir nehmen konnte. Auch mit den verschiedenen isotonischen Getränken bekam ich langsam Mühe. So entschloss ich mich, für den Moment nur noch Wasser zu mir zu nehmen. Bei Kilometer 330 fingen dann plötzlich die Knie an zu schmerzen. Aus diesem Grund war beim Checkpoint 5 ein grösserer Halt geplant. Die Kleider wurden gewechselt, die Beine massiert und ein Snickers wurde vernichtet. Der erregte meinen Hunger wieder und so konnte ich ab und zu ein kleines Stück Banane zu mir nehmen.

In Sargans wurde ich von mehreren Freunden am Strassenrand lauthals unterstützt. Diese kamen mit zum Checkpoint, wo ich ihnen kurz "Hallo" sagen konnte, da wir sehr gut in der Zeit lagen. Anstatt wie geplant um 00:22Uhr waren wir bereits um 22:44Uhr dort.

Mit Licht und Leuchtweste ging's nach einer ersten grossen Pause weiter. Leider hatte sich jetzt unsere Dreiergruppe aufgelöst. Einer ist vorne abgefahren und der Andere brach ein und lag hinter mir. Jetzt ging's also alleine in der Dunkelheit weiter. Alleine ist nicht ganz richtig! Ich hatte ja mein Team und ab Sargans wurden wir wieder von TeleBärn begleitet, welches ein paar Nachtaufnahmen machte. Beim Kerenzerberg spürte ich meine Knien zum ersten Mal recht stark. Was mir sonst immer Spass machte (Berghoch fahren) wurde langsam mühsam. Trotzdem erreichte ich den Pass und konnte die Aussicht auf die kleinen Lichter unten am Berg geniessen. Bei dieser Abfahrt fuhr ich in einem gemässigten Tempo, so dass mein Begleitfahrzeug hinter mir nachfahren konnte. Da ich nicht zuviel Licht an mein Velo montieren wollte, war ich auf die Scheinwerfer des Begleitfahrzeuges angewiesen. Dies klappte sehr gut.

Mitten in der Nacht, um 01:40 Uhr kamen wir bereits in Pfäffikon an. Die Knie schmerzten leider immer stärker. Aus diesem Grund musste auch in Pfäffikon ein grösserer Halt gemacht werden, um die Knie massieren zu lassen. Die Temperaturen waren immer noch bei 19 Grad. Bei diesem Checkpoint konnte ich auch zum ersten Mal ein Sandwich essen. Das tat sehr gut, da ich seit mehreren Stunden so gut wie nichts mehr gegessen hatte. Viel Fettreserven hatte ich nicht dabei, um lange in dieser Zone zu fahren.

Beim nächsten Teilstück waren wieder 2 grosse Pässe zu bezwingen. Hierbei kam ich an meine Grenzen, da meine Knie nicht mehr wollten. Die Schmerzen lagen unter den Kniescheiben und hinten an den Bändern. Auch bei den Abfahrten, wenn ich keine Drehungen machte, schmerzte es enorm. Auf den flachen Stücken brachte ich noch gerade knapp 22km/h heraus.Die Motivation sank und sank. Die Schmerzen dafür wurden immer stärker. Der Abschnitt Pfäffikon- Emmenbrücke war auf der ganzen Strecke die härteste Zeit.Ich kam einfach nicht mehr vorwärts. Dabei verlor ich auch den ganzen Vorsprung. Dies schmerzte natürlich noch einmal mehr. In Emmenbrücke angekommen musste mich das Team stützen, so gross waren die Schmerzen. Ich weinte nur noch und spielte mit dem Gedanken aufzugeben. Doch da war noch ein super Team im Hintergrund. Mein Team, das auch schon übermüdet war, machte einfach alles richtig. Es liess sich nicht von meiner negativen Stimmung hinunterziehen! Nein, sie gaben alles und bauten mich wieder auf - mental und körperlich. Ich wurde nochmals richtig durchgeknetet und verpflegt. Die Kleider wurden auchnochmals gewechselt und nach einer sehr langen Pause versuchten wir es wieder auf der Rennstrecke.

Bei jeder einzelnen Bewegung schmerzten die Knie. Trotzdem absolvierte ich Meter um Meter. In meinen Gedanken setzte ich mir langsam ein neues Ziel:. Nur noch nach Wangen a. A., um die 600 Kilometer ins Ziel zu retten. Dies will ich für mein Team, meine Partnerin und für alle, die mein Rennen mitverfolgten, erreichen. Ich wusste, dass ich mich im Ziel von der 720 Kilometer Strecke auf die 600 Kilometerstrecke umschreiben lassen kann. Mit diesem Tempo, mit dem ich jetzt unterwegs war, konnte ich eine Qualifikationfür das RAAM sowieso vergessen.

 

Den Sonnenaufgang konnte ich somit gar nicht mehr geniessen. Jetzt fuhr ich ein Rennen gegen meinen Körper. Ab und zu gab es eine Sequenz, wo ich kurz für 2-5 Minuten wieder schneller fahren konnte. Aber je länger das Rennen dauerte, je weniger gab es solche Momente. Langsam fuhren wir auf die Strecke, die ich bereits kannte. Plötzlich tauchte noch ein bekanntes Gesicht mit dem Fahrrad auf. Mänu, den ich letztes Jahr bei der Transalp kennen gelernt hatte, fuhr mit seinem Rennvelo neben mir her, und half mir mit seinen Gesprächen die Schmerzen zu vergessen.

In Affoltern wurde ich auch von meiner Partnerin und einer Freundin begrüsst. Auch diese gaben mir neben meinem Team und Mänu neue Kräfte, um für die restliche Strecke alles geben zu können. Solche Schmerzen, wie ich in diesem Moment hatte, kannte ich bisher überhaupt nicht. Trotzdem schaffte ich es mit meinem Willen immer wieder in die Pedale zu drücken und vorwärts zu kommen. Aber einfach nicht mehr in meinem Tempo.

Beim letzten Checkpoint in Ittigen wartete bereits ein weiterer Freund auf mich. Es tat einfach gut zu wissen, dass viele Mails und Gästebucheinträge geschrieben wurden und ein paar Leute sogar an den Strassenrand gekommen sind. Aus diesem Grund schaffte ich es schlussendlich auch bis nach Wangen a. A.

Um 11.08 Uhr fuhr ich mit gemischten Gefühlen durch das Ziel. Wenn ich keine Knieschmerzen gehabt hätte, hätte es immer noch gereicht, unter 28 Stunden die 720 Kilometer zu fahren, aber unter solchen Umständen wäre eine Weiterfahrt einfach nicht möglich gewesen..

Im Ziel habe ich damit gerechnet, dass ich in meinem Zustand die RAAM Qualifikation nicht mehr erreichen werde. Somit war mir klar, dass ich mich auch der Gesundheit zu Liebe entschied, bei 600 Kilometern aufzugeben. Ob aber aufgeben das richtige Wort ist, frage ich mich heute noch. Aufhören passt wahrscheinlich besser! Schlussendlich bin ich zum ersten Mal in meinem Leben mit dem Fahrrad 600 Kilometer gefahren. Hunderte von solchen Gedanken flogen mir durch den Kopf.

Nach einem letzten Interview mit TeleBärn setzte ich mich gemütlich mit dem Team, der Familie und Freunden zusammen. Der Fahrer, mit dem ich die ersten 360 Kilometer absolviert hatte, wurde Zweiter. Wenn meine Knie mitgemacht hätten, wäre dies für mich vielleicht auch möglich gewesen. Jedoch wäre das bei der ersten Teilnahme schon fast unglaublich gewesen.

Wie es jetzt mit dem Radsport in Zukunft weitergeht, steht noch in den Sternen. Ich muss das Ganze noch ein wenig verdauen und mich dann entscheiden in welche Richtung ich mich jetzt konzentrieren will. Auf jeden Fall werdet ihr immer wieder Neuigkeiten auf meiner Homepage finden.

1000x Dank an alle!

Euer Kevin